1. A kam zu Besuch und es war Donnerstag. A hatte ein Gipsbein. Wir redeten wie immer von uns. A sagte, er könne gar nichts mehr tun. Immer, wenn er anfange, ein Buch zu lesen, frage er sich im gleichen Moment: Wieso dieses Buch? Immer, wenn er mit einer Frau schlafe, frage er sich dabei: Wieso diese Frau? Es sei alles beliebig und nur dazu da, die Zeit zu vertreiben. Warten auf den Weihnachtsmann. Die Zeit bis dahin verdrängen. Geboren werden und denken lernen. Dann denkst du pausenlos darüber nach, wozu du geboren wurdest. Sagte A. Wenn du die Zeit nicht vertreiben kannst, wird sie dir lang. Mein Leben ist so langweilig, daß etwas passieren muß, und sei es mein eigener Tod. A hatte ein Gipsbein, wir saßen rum. Der Weihnachtsmann kam nicht. Ich hatte eine Idee: Wie wärs, wenn wir dein Bein, dein Gipsbein, an der Wand festgipsen? A war begeistert. Wir lachten, als der Gips festgeworden war und ich sagte: So ist der Mensch. Gegipst an irgendwelche Mauern bildet er sich ein, frei zu sein. Frei zu werden. Oder freier. Eine Frau freien. Seltsam. Ich möchte jetzt eine Frau, sagte A, und versuchte, sich loszureißen. Der Gips hielt. Mach mich los, sagte A. Ich holte Bretter und baute einen Kasten um A herum. Als der Kasten fertig war, begann ich Gips anzurühren. Ich rühre dich nicht an, keine Angst, sagte ich zu A und er: Ich bin fast glücklich. Jetzt ist die Situation nicht mehr so beliebig. Obwohl ich an jeder beliebigen Wand angegipst sein könnte. Aber ich bin angegipst und damit festgelegt. Ich habe Angst vor dir. Ich sagte: Man hat immer Angst vor dem Weihnachtsmann. Lebkuchen oder Rute - das ist vorher nicht abzusehen. Zu dieser Zeit stand A der Gips etwa bis zu den Knien. Ich rührte und rührte. Nach einer weiteren Stunde kippte ich den letzten Becher Gips in den Kasten und A klagte, daß seine Füße eingeschlafen seien. Er stak jetzt bis zum Hals im Gips. Das Sprechen bereitete ihm große Mühe. Ich saß neben seinem Kopf auf dem Gipsblock und streichelte ihn. Ich sagte ihm, wie schwer es für mich sein würde, zu leben. Er versuchte, mich zu beißen. Lebe wohl, sage ich noch, dann kam sein Weihnachtsmann.
2. Ich war halb ausgezogen. Wir saßen in meiner Wohnung mit den kahlen Wänden. A sagte: Hier stand die Flasche, die dann Literatur geworden ist. Mir wär's lieber, sie wär noch 'ne Flasche, sagte ich. Weißt du, sagte A, man müßte die Idee haben. Draußen jaulte ein Hund. Laß uns den Sand durchsieben, in dem die Utopien versickert sind, sagte A, schluckte ein Aufbaumittel und baute ab. Ich legte ihn nebenan in das leere Bett, auf den Stahlfederboden. Eine verunglückte Biene versuchte aus einer Ritze zwischen den Dielen zu kriechen. Als ich eine Stunde später nach A sah, war sein Körper ganz ausgetrocknet wie die leere Puppe eines Schmetterlings. Am Morgen war er verschwunden; nur der Staub von den Federn war weggeblasen, wo er geatmet hatte. Die Biene lag tot auf der Diele neben der Ritze. Sie hat es also doch noch geschafft.
3. Es ging um Minneapolis, Andropow und Kokosnüsse. Wir knabberten an den Fingernägeln von Georg Heym. Die toten Dichter kamen mal wieder als Landregen runter, daß unter den Gräbern die Ratten dichter zusammenkrochen. Wir saßen da wie auf einem Frühstücksbild von Monet. A's Erscheinen war wie immer bemerkenswert. Er hatte sich einen Satz zurechtgelegt und sagte, daß er sich einen Satz zurechtgelegt hätte und dann sagte er den Satz: Es ist ein Weniges nur. Hinten spülte das Meer Georg Heym an. Irgendwer hatte ihn ausgezogen. Wär ja auch noch schöner, wenn die Leichen sich selber ausziehn, sagte A.