Garm

Es ist scheußlich. "Achtmarkachtundvierzig, HERR GARM, sagt der Gemüsehändler. In der Straßenbahn klopft mir ein rotgelockter Halbrusse auf die Schulter: "Na GARM, gut geschlafen?" Plötzlich kennen alle mich allein. In den Zeitungen steht: GARMS NEUE LIEBE oder GARM: KREBS. Die Kabarettisten nennen mich verächtlich "DARM". Ich spreche im Fernsehen zum deutschen Volke: "Ihr braucht mich wirklich nicht zu grüßen", sage ich, "ja, ich bitte darum, daß ihr mich nicht beachtet." Kaum verlasse ich den Sender, bedrängen mich die Auto-GARM-Jäger. Die Polizei muß träumen. Ich kann meine Adresse nicht daheimhalten. Aller zwei Wochen verziehe ich mich um. Aber die Journalisten sind linsenstarrende Igel. Sie schieben das Objektive aus den Badewannen hervor. Ich versuche mich zu tarnen. Sofort steht in der Zeitung: GARM KAUFT FALSCHEN BART. Jede Zeitung verändert sich unter meinen Augen. Eben stand da noch: PAPST TRAF PRÄSIDENTEN: Schaue ich hin, steht da: GARM TRAF HEIMLICH KLEINES MÄDCHEN.

Ich springe von einer Krücke. Unten erwartet mich die kreischende Menge.

Ich schieße mir in den Mund. Aber die Masse Mensch fängt das Gehirn auf und stopft es zurück in meine Kalebasse. "Haut ab!", zische ich.

Da ziehen sie sich gegenseitig die Haut von den Leibern. Man sagt jetzt, die Fleischroten seien meine Anhänger. Sie seien Kannibalen. Das ist wahr.

"Ewig lebe GARM!"; schreien sie und springen aus meinem Fenster. Sie schweben davor herum bis alle draußen sind. Der rotgelockte halbe Russe kommt herbeigeflogen. Er bläkt: "Zum Kyffhäuser!", und sie heulen davon. Ich liege inmitten der zurückgelassenen Häute in meinem aufgewühlten Licht.

Der Showmaster deutet her: "GARM! HEUTE ABEND LIVE BEI UNS IM STUDIO!" Ich bewerfe das patschende Publikum mit den Häuten. Sie ziehen sie über. Dann erheben sie sich und singen en bloc ein Dutzend deutsche Nationalhymnen. Ich bin zum GARM gekrönt worden. Die Rothäute vom Kyffhäuser kommen gesegelt und schnallen mir wallend den Bart um. Ich grüße schallend: "ICH FÜHRE EUCH IN BLÜHENDE BLEIZEIT WO EIN GRASMEER WÄCHST."

Schon sind wir auf dem Vormärz.

Ich am Kopfende meines Bettes, das sie in die Straßenbahn getragen haben. Ich besitze jedoch keinen Schnipsel. "Zahlen Sie wahr, GARM!", befiehlt der Kontrolleur. Aber ich habe kein nichts mehr.

"Mit aufs Revier!", sagt der Uninformierte. Kaum hat sich das Protokoll zusammengenommen, kommt eine Zeitung mit meinem Bild auf der Titelseite. Die Polizisten weichen scheusam. Ich trete auf und bin ein freier Bürger-Mann.

Da sehe ich mich in meinem Bett liegen, in der Mitte des Platzes, umringt von der schnippenden Menge. "Du bist tot", sage ich bei mir und erhebe mich in die Luft. Von oben sehe ich, daß ich ein Kürbis bin, der das Lexikon der Antike auswendig gelernt hat.

Die Menge, kaum im Zaum: "GARM SEI GARM IN DER HÖHE!" Ich aber zeige mich ein letztes Mal. "Tragt diesen Kürbis da in seine Behausung!", schließe ich und verschwinde aus meinem Bewußtsein.