Prosa

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Weihnachtsgeschichten

Weihnachtsgeschichten

Siebziger

Im Fernsehen läuft "Pittiplatsch im Koboldland" mit Drehrumbum und Nickeneck. "Ich bin der Drehrumbum, der Runde, ich drehe alles um, zu jeder Stunde." Und: "Nickeneck, du lieber Schreck, da bleibt dir ja die Spucke weg." Pittis Oma wohnt in einer alten Teekanne.

Das Schwarz-Weiß-Bild fängt immer wieder an zu rollen. Anfangs kann man den Bildern noch folgen, aber irgendwann werden sie zu schnell. Manchmal hilft es, mit der flachen Hand auf denn Fernseher zu schlagen. Dann bleibt das Bild für ein paar Minuten stehen. Oder den Stromregler für kurze Zeit ganz bis zum Anschlag aufdrehen, so dass die untere Hälfte seines runden Auges ganz dunkel und die obere Hälfte ganz hell wird.

Der Stromregler ist dem Fernseher vorgeschaltet, ein grauer Kasten, um Stromschwankungen auszugleichen. Normalerweise müssen die beiden Teile seines Auges ungefähr gleich hell sein. Er wird beim Einschalten des Fernsehers eingeregelt und ab und zu nachjustiert, wenn das untere Auge zu dunkel wird.

Es dauert unendlich lange bis zur Bescherung und als sie endlich kommt, hat der Weihnachtsmann Mutters Hausschuhe an und bringt den gewünschten Metallbaukasten.

Achtziger

Es gibt nur wenige, die sich an Weihnachten freiwillig zur Wache gemeldet haben; den meisten wurde sie befohlen. Dabei ist es eine feine Sache: Alle haben Mitleid, weil man am Heiligen Abend in der Kaserne sein muss - selbst der Kommandeur - und drücken alle erdenklichen Augen zu. Und man selbst hat eine perfekte Ausrede, warum man an der alljährlichen Harmonieschlacht diesmal leider nicht teilnehmen kann.

Der Kommandeur, ein unglaublich übergewichtiger Endfünfziger, für den die Uniform extra genäht werden muss wie weiland für Göring ("Hering, fett wie Göring!") bringt in einem dunkelgrünen Küchenkessel, der innen mit Aluminium ausgekleidet ist, heißen Punsch in die Wachstube, der sogar eine Spur von Rotwein enthält. Er ringt sich eine sentimentale Ansprache ab, in der natürlich Worthülsen wie "Friedenssicherung" und "imperialistische Bedrohung" nicht fehlen dürfen.

Der Rest der Nacht verläuft wunderbar ruhig. Die Wachmannschaft schläft nicht nur im Ruheraum, sondern auch im Bereitschaftsraum und niemand stört sie. Sogar die Posten draußen dösen friedlich vor sich hin und der Offizier vom Dienst sieht von jeder Kontrolle ab.

Neunziger

Selbst die hartgesottensten Familienverweigerer aus der WG machen eine fragwürdige Ausnahme und sind zumindest am Heiligen Abend bei den "Ihren". Ein Kollege, der ebenfalls anschlußlos ist, kommt zum Zweier-Raclett vorbei. Leider bleibt beim Einschalten des Raclettes versehentlich ein Pfännchen unter den Grill geklemmt, dessen Plastikgriff schon reichlich verschmort ist, bevor sie es entdecken.

Der Abend ist vom Gestank des geschmolzenen Kunststoffs geprägt. Raclett zu zweit entpuppt sich als noch trostloser als Fernsehen allein, zumindest unter Arbeitskollegen und am Heiligen Abend. Sie ziehen es aus Anstand eine reichliche Stunde lang durch, danach verschwindet der Kollege hurtig zum vorletzten Bus.